Der Übernachtungsgast (II)

Nach beinahe sieben Jahren schläft Bailey außer Haus. Hatten wir bei dem Gedanken daran zunächst ein sorgenvolles und seltsames Gefühl, merken wir allmählich: Ein ganz neuer Lebensrhythmus stellt sich ein.

16 Uhr

Laykas Bett ist so bequem! Da schnorchelt es sich richtig gut und hund kann toll von Knochen träumen…

Einige Kilometer entfernt haben Herrchen ein ganz anderes Problem. Ein dringliches Problem, um genau zu sein. Doch der Weg zur Toilette ist renovierungsbedingt versperrt. Es wird Zeit, Oma und Opa zu besuchen! Die zum Glück auch zu Hause sind. Überraschte, ungläubige Blicke sehen uns entgegen und statt einer Begrüßung werden wir mit der wichtigsten Frage bestürmt: „Wo ist denn Bailey?“

17 Uhr

Gerade war Madame am Blinzeln, da ruft die Gastgeberin schon zu einer weiteren Gassirunde. Schon wieder? Tja, hier herrscht ein etwas anderer Rhythmus. Schlaftrunken tappst Bailey ins Freie, schüttelt sich und stellt fest: Die neue Wiese ist noch immer da und wirklich fertig beschnuppert wurde diese vor einigen Stunden noch gar nicht. Also ab ins Grün!

Einige Kilometer entfernt sitzen Herrchen bei Kaffee und Kuchen, gedanklich schon beim Abendessen mit Freunden. Endlich mal nicht an die Baustelle denken! Und bloß nicht die Frage aufkommen lassen, ob wir von unserem Wackel vermisst werden.

Am Abend

Och, wie fein, da gibt es noch eine kleine Leckerei! Getrennte Näpfe müssen natürlich sein. Wie in einem alten Western stehen sich die beiden Hundedamen gegenüber: Wer hat seine Flocken wohl als Erste inhaliert?

Einige Kilometer entfernt gibt es schöne Gespräche, leckeres Essen und keinen Blick auf die Uhr, ob man wohl nach Hause muss. Wann waren wir eigentlich das letzte Mal ohne Zeitdruck unterwegs?

Die Nacht

Erschöpft vom Baustellen-Durcheinander der letzten Wochen und den Gassirunden an diesem Tag kommt Bailey kaum auf die Idee, ihrem Rudel nachzutrauern. Sie hat ihr Kissen, einen satten Bauch, wurde gekrault, durfte Spielen – nur ins Bett darf sie hier als Gast nicht. Naja, dann wartet sie eben auf Herrchen. Bald wird sie abgeholt werden… und mit diesem Gedanken fällt sie in einen tiefen Schlaf.

Einige Kilometer entfernt trinken Herrchen noch einen Schluck Wein. Erschöpft vom Baustellen-Durcheinander der letzten Wochen kommen wir kaum auf die Idee, unserer Kleinen nachzutrauern. Wir wissen, ihr geht es gut, sie wird bestens versorgt und bespaßt. Es ist etwas stiller bei uns, die Kraulhand sucht auf dem Boden in der Leere nach einem Vierbeiner. Naja, bald wird Bailey abgeholt. Ob sie sich freut oder uns enttäuscht ignoriert? Mit diesem Gedanken fallen wir in einen tiefen Schlaf.

Das Wiedersehen

Es klingelt. Zunächst Stille. Dann hört man das typische Trippeln von innen. Da kommt der Wusel! Und dann muss alles gleichzeitig geschehen: Sind alle da? Ja. Hallo Chef! Krault mich! Hallo Herrchen! Hallihalloderhundistda! Krault mich! Hund schleckt schnell durch alle Gesichter. Krault mich! Seht mal, hier hat hund geschlafen! Krault mich! Und da, ein toller Kauknochen, der schmeckt super, mag jemand probieren? Hund hat nur ein bisschen drübergeknabbert. Krault mich! Sind noch immer alle da? Ja. Hallo! Hallo! Krault mich!

Einige Kilometer entfernt werden wir später gemeinsam im Wohnzimmer auf dem Kissen von Baily sitzen, Madame natürlich in der Mitte. Der Bauch wird gekrault, der Kopf getätschelt. Experiment gelungen, Patient irritiert aber zufrieden. Vielleicht wird es nicht noch einmal beinahe sieben Jahre dauern, bis Bailey über Nacht zu Besuch bei Freunden sein wird…

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